DÜLMENplus-Reporter im Unglückszug / Betonpfeiler fällt durch PKW-Crash auf Oberleitung
Von Sebastian El-Saqqa
Dülmen/Hannover. Da denkt man, man habe schon Alles oder Vieles mit der Deutschen Bahn erlebt, der wurde gestern Abend/Nacht eines Besseren belehrt. Unser DÜLMENplus Reporter, der auf der Reise einer freiberuflichen Tätigkeit nachging, war hautnah bei der missglückten ICE-Evakuierung dabei.
Die Rückreise sollte in Wolfsburg nach dem Bundesligaspiel gegen den 1. FC Köln um 18.58 Uhr starten. Aufgrund eines defekten Stellwerks im Raum Lehrte verzögerten sich aber über den Tag hinaus schon viele Fahrten zwischen Hannover und Berlin.
Der ICE 844 mit ICE 854 zum Kölner Hauptbahnhof verzögerte sich (laut Bahn App) schon vor der Abfahrt in der VW-Stadt. Erst 60 Minuten, dann 120 Minuten. Der Zug rollte dann auf dem überfüllten Gleis 1 in Wolfsburg um kurz vor 21 Uhr ein. Die Kölner Fußballfans, die auf dem Rückweg waren, mussten durch die Bundespolizei in Schach gehalten werden. Der Zug war bereits gut gefüllt als er einfuhr, da über mehrere Stunden nichts auf der Strecke fuhr. Nach dem die Fans dann eingestiegen sind bzw. sich hineingedrückt haben, ging nichts mehr. Die Deutsche Bahn verkündete über die Durchsagen, dass man so (mit Leuten in den Gängen stehend) nicht weiterfahren könne. Gäste müssten also aussteigen. Da das natürlich niemand wollte, stand der ICE geschlagene zwei Stunden am Gleis still, bis der nächste verspätete ICE aus Berlin am Nebengleis einfuhr, in dem dann ein Teil der Fans bereitwillig umstiegen.


Für die Fußballfans war das allerdings noch nichts Neues. Eigentlich der „normale Wahnsinn“ eines Auswärtsspiels. Ob hier Sonderzüge oder Entlastungszüge weitergeholfen hätten, wenn man sich seitens der Bahn die Paarungen der Bundesligapartien im Vorfeld angeschaut hätte, sei dahingestellt.
Um 22.51 Uhr rauschte der Zug endlich los in Richtung Niedersachsenmetropole. Dann passierte etwas, dass die Deutsche Bahn nicht hätte verhindern können. Rund zwei Kilometer vor dem Hauptbahnhof gab es plötzlich ein lautes Krachen, dass mit einer Notbremsung einherging. Jeder ging sofort vom Schlimmsten aus. Hierbei handelten es sich aber nicht um einen Suizid. Ein Verkehrsunfall auf einer Brücke war der Auslöser einer mehrstündigen Tortur. Laut BILD-Bericht hatte sich dort ein 19-Jähriger mit einem PKW überschlagen und einen Betonpfeiler auf die Gleise geschoben. In diesem Moment (gegen 23.20 Uhr) rauschte der ICE mit hoher Geschwindigkeit unter der besagten Brücke her. Glückerlicherweise ist hier nicht mehr passiert. Der Pfeiler habe die Kabine des Lockführers kurz verfehlt, hieß es, auch der Zug blieb sicher auf den Schienen.


Dann begann ein beispielloses Missmanagement der Deutschen Bahn. Der Zugbegleiterchef war in der Tat nicht zu beneiden. Er hat es teilweise gut wegmoderiert, bis auch seine Nerven hörbar nachließen. Die rund 900 Fahrgäste in dem doppelzügigen ICE der vierten Generation wurden zunächst noch in der Hoffnung gelassen, dass es weiterginge. Aber als dann der so genannte Notfallmanager der Deutschen Bahn angefordert wurde und der Stromabnehmer des Zuges offensichtlich beschädigt war, wusste Jeder, dass es nicht weitergeht. Der Zug stand im Dunkeln im Stadtteil Kleefeld. Außen am Zug leuchteten Beamte der Bundespolizei die Strecke nach Teilen oder gar heruntergerissener Oberleitung ab. Mittlerweile verfügte der Zug nur noch über Notstrom. Keine Lademöglichkeit mehr für Handy oder Laptop, die Klimaanlage war aus. Fenster lassen sich in den hochmodernen Zügen ja nicht mehr öffnen. „Wer noch mal auf die Toilette möchte, der möge jetzt gehen, gleich schaltet sich die Spülung und andere Elemente des Zuges nach und nach ab“, informierte der Zugchef die Passagiere. Nach einer Stunde (gegen 0.30 Uhr) meldete sich der Notfallmanager übers Mikrofon: „Wir benötigen noch circa 15 Minuten, bis eine Diesellok da ist und weitere 10 Minuten bis diese sie in den Hauptbahnhof schleppt.“ Danach hörte man ihn nichts mehr von ihm. Keine Infos, wie es anschließend weitergeht. Gibt es einen Ersatzzug oder Ähnliches? Wasser wurde im Zug verteilt, Bahnmitarbeiter kümmerten sich um dehydrierte Passagiere. Die Stimmung kippte allmählich. Als feststand, dass der Zug geerdet ist, wurden einige wenige Türen geöffnet, um Frischluft in den Zug zu lassen. Diese Türen waren durch das Personal der DB-Sicherheit geblockt, damit niemand „abhaut“.
Die Passagiere, teils stark alkoholisiert, aber auch ihren Drang zum Rauchen hatten, wurden immer ungeduldiger. Hinhaltetaktiken der Bahn ließ die Nacht immer weiter voranschreiten. „So ,jetzt geht’s los“, ließ Hoffnung aufkommen. Die Türen wurden geschlossen. „Wir müssen Sie jetzt schulen“, sagte der Zugchef und das Protokoll abarbeiten. Wir sind ja schließlich in Deutschland. Die Batterie des Zuges müsste komplett abgeschaltet werden, damit der Zug abgeschleppt werden könne. Es war nun stockduster im Zug, die Kommunikation über die Lautsprecher war damit auch zu Ende. Nur noch Handylichter waren zu sehen. Dann passierte aber wieder rund 30 Minuten nichts. Die Uhr zeigte inzwischen 2 Uhr. Ein Notarzteinsatz folgte nun dem Nächsten. Die Luft wurde immer stickiger. Auch Ärzte an Bord halfen so gut es ging. Polizeiautos rasten heran. Es ging nicht weiter. Dann liefen Passagieren samt Gepäck über die Gleise. Die hatten die Notentrieglung der Türen betätigt und wollten die Heimreise zu Fuß antreten. Damit war klar, der Zug wird keinen Meter mehr machen. Die Bundespolizei versuchte diese „Flüchtigen“ noch einzufangen. Es wurden aber immer mehr. Dann entschied sich die Polizei alle Türen von außen zu entriegeln und die Passagiere nach und nach zu evakuieren.

Teilweise mit schwerem Gepäck mussten die Fahrgäste den Zug verlassen. Der große Abstand zwischen Zug und Gleisbett erschwerten den Prozess enorm. Ältere Gäste wurden getragen, auch ihr Gepäck brachte die Polizei hilfsbereit zum nächsten Ausgang entlang der Lärmschutzwand. Alle anderen waren auf sich allein gestellt. Jetzt war es 3 Uhr nachts – dreieinhalb Stunden nach der Alarmierung. Wer glaubte, dass dann an der Strecke herbeigerufene THW, Feuerwehr oder Shuttlebusse warteten, hatte sich getäuscht. Die Fahrgäste schoben ihr Gepäck bei Nieselregen und mit Google-Maps auf dem Handy scheinbar auf dem kürzesten Weg in Richtung Hauptbahnhof. 200 Meter weiter in Richtung der nächstgelegenen Hauptstraße bestellten sich viele ein Taxi – die Fahrer waren mit der Situation aber auch völlig überfordert. Ein passendes Auto dann aber via Taxi-App doch gefunden, kämpfte sich der Fahrer durch die verzweifelten an der Straße wartenden Passagiere. Ihnen stand die Situation bis zum Hals. Sie wollte die verriegelten Türen des Taxis aufreißen. Das ging an die Nerven. Ausnahmesituation! Jetzt muss man sich natürlich fragen, warum es die Bahn nicht geschafft hat, in der langen Zeit Busse bereit zu stellen. War man so naiv, dass man glaubte, das Abschleppen funktioniert schon? Warum rechneten die Verantwortlichen nicht mit der immer weiter sich zuspitzenden Situation von Unmut und gesundheitlichen Problemen? Wieso dauerte die Evakuierung so lange? Müssen sich die Verantwortlichen vor Ort an jeglichen Bürokratieirrsinn halten?

Wer dann dachte, dass am Hauptbahnhof Hannover (!) ein Ersatzzug warten würde, um die Passagiere endlich weiter in Richtung Köln zu bringen, hatte sich mal wieder getäuscht. Der Bahnhof war nun mit stark alkoholisierten Fußballfans des 1. FC Köln, Hannover 96 und Hertha BSC prall gefüllt. An Gleis 12 drängelten sich dann 1000 Fahrgäste, die in den ICE 101 wollten, der als Regelzug fuhr. Der hatte zu diesem Zeitpunkt knapp zwei Stunden Verspätung und sollte 3.59 Uhr abfahren. Schließlich kam dieser um 04.30 Uhr, da er aufgrund der beschädigten Oberleitung einen Umweg fahren musste. 04.50 Uhr rollte er schließlich mit verhältnismäßiger kurzer Verzögerung los. Eigentlich wollten alle Menschen an Bord nur noch nach Hause. Kollektives Schnarchen war nun angesagt. Vermutlich wäre die Bahn auch für die Hotelkosten aufgekommen, aber für 2-3 Stunden Schlaf, war es das dann auch nicht mehr wert. Für unseren Reporter endete die Fahrt in Hamm statt der geplanten Ankunft um 20.49 Uhr, schließlich in der Morgendämmerung um 6.32 Uhr. Na dann gute Nacht, Deutsche Bahn!

Fotos: Sebastian El-Saqqa / Screenshot: bild.de

