Von André Sommer
Dülmen. Während andere abends den Fernseher einschalten, kämpfen derzeit mehrere hundert Menschen gemeinsam durch eine digitale Fantasiewelt – live übertragen, ohne doppelten Boden und mit nur einem einzigen Versuch. Mitten drin: Tom Schotten (29) aus Dülmen. Ganz frisch ist er in ein laufendes Großprojekt hineingerutscht, das aktuell viele Bildschirme füllt und bei dem Fehler nicht korrigiert, sondern gnadenlos bestraft werden. Was Tom da macht, lässt sich grob als „PC-Spielen vor Publikum“ (oder eben „Streaming“) beschreiben – nur dass dieses Publikum nicht still auf dem Sofa sitzt, sondern kommentiert, mitfiebert und gelegentlich besser weiß, was zu tun wäre. Aus Dülmen geht es so direkt hinein in ein Geschehen, das überraschend viele Menschen anzieht – obwohl man dabei eigentlich „nur“ zuschaut.
Aber von vorne. „SauerCrowd“ ist eines der größten deutschsprachigen Streaming-Events der vergangenen Jahre: Initiator des Megaprojekts ist der World-of-Warcraft-Streamer „Metashi12“, der sich mit „HandOfBlood“ und „Papaplatte“ gleich zwei der einflussreichsten Streamer Deutschlands mit in die Organisation geholt hat. Getragen von über 200 beteiligten Streamerinnen und Streamern und verfolgt von Hunderttausenden Zuschauern, die das Geschehen live im Internet begleiten.
Im Mittelpunkt steht kein neues Spiel, sondern ein alter Bekannter. World of Warcraft, inzwischen 21 Jahre alt, erlebt durch das Event (in seiner klassischen Version) eine Art zweite (vielleicht sogar dritte, vierte oder fünfte) Jugend. Das Online-Rollenspiel entführt seit Jahrzehnten Menschen in eine gemeinsame Fantasiewelt, in der Zusammenarbeit (meistens) wichtiger ist als Tempo und in der Erfolge selten über Nacht entstehen. Genau dieses ursprüngliche Spielgefühl greift SauerCrowd auf – bewusst entschleunigt, kompromisslos und im „Hardcore-Modus“. Gespielt wird die unveränderte Urfassung ohne spätere Komfort-Funktionen. Und wer stirbt, verliert alles: kein Neustart mit seiner Spielfigur, kein Rückspulen, keine zweite Chance. Dass ausgerechnet dieses alte, harte Spielprinzip zum Jahreswechsel zu den meistgesehenen Inhalten auf Twitch wurde, zeigt, wie sehr das Projekt einen Nerv trifft.
Mitten drin: der Dülmener Streamer Tom Schotten. Seit einigen Monaten bestreitet er einen Großteil seines Lebensunterhalts mit Live-Übertragungen und Videos. „Ich würde das nicht Beruf nennen – das wäre unfair gegenüber vielen richtigen Jobs“, sagt er. „Ich habe einfach das Glück, meine Leidenschaft so machen zu dürfen, dass ich davon leben kann.“ Als Nachrücker im Event hat er nicht nur die Möglichkeit, sich spielerisch zu beweisen, sondern erreicht auch plötzlich ein Publikum, das sonst nur den größten Namen der Szene vorbehalten ist. Und genau davon lebt Streaming: Reichweite bedeutet Relevanz – und manchmal auch den nächsten Schritt in einer noch jungen digitalen Branche.
Warum Zuschauen plötzlich mitreißt
Wer mit dieser Form der Unterhaltung wenig anfangen kann, mag sich fragen: „Warum sollte man anderen beim Computerspielen zusehen?“ Die Frage ist verständlich, aber sie ähnelt auch der Überlegung, warum Millionen Menschen Fußball schauen, ohne selbst mitzuspielen. Es geht um Spannung, um Geschichten, um mitfiebernde Communities, um Triumphe und bittere Momente, die live entstehen und nicht planbar sind. Genau das passiert derzeit auf der Plattform Twitch – nur eben in einer Fantasy-Welt namens Azeroth und mit einem Publikum, das gerade beweist, wie lebendig dieses „alte“ Spiel noch immer ist.
Für Tom Schotten war der Moment der Zusage eine kleine Sensation: Sein Online-Name „Kontreck“ tauchte plötzlich auf der offiziellen Teilnehmerliste auf. „Das war schon ziemlich surreal – auf einmal darf ich bei den ganz Großen der Szene mitspielen“, sagt er. Möglich wurde das durch den erfolgreichen Streamer AresLPs, mit dem er seit einiger Zeit in Kontakt steht. „Er hat mich vorgeschlagen – und jetzt habe ich den Salat“, scherzt Tom.
Dass er sich nun stundenlang vor dem Bildschirm wiederfindet, ist für Tom kein Neuland – Computerspiele begleiten ihn schließlich seit seiner Kindheit. Angefangen hat alles mit einem Game Boy Color und „Pokémon Gelb“, später kamen PC und erste Online-Spiele dazu. Die Faszination hielt an, und irgendwann wurde aus dem Hobby mehr als nur Zeitvertreib.
Der entscheidende Impuls kam eher zufällig: Beim gemeinsamen Spielen mit Freunden stellte er fest, dass diese regelmäßig Fragen zu Spielmechaniken oder Inhalten an ihn richteten – und er sie auf Anhieb beantworten konnte. „Da dachte ich mir: Wenn meine Freunde das wissen wollen, dann gibt es bestimmt noch mehr Leute mit den gleichen Fragen“, erinnert sich Tom. Er begann, kleine Erklärvideos auf YouTube hochzuladen. Die Resonanz war überraschend groß, und kurz darauf folgte der nächste Schritt: einfach mal live auf Twitch gehen.
Der Durchbruch kam durch digitale Bauprojekte
Den bislang größten Durchbruch seiner Streaming-Karriere erlebte er mit dem Fantasy-Spiel „Enshrouded“. Darin erkundet man eine offene Welt, kämpft, sammelt Ressourcen, baut Häuser und entwickelt seinen Charakter weiter – ein Baukasten für Kreative, in dem sich Tom sichtbar wohlfühlt. Seinen Erfolg erklärt er sich mit zwei Umständen: Zum einen erschien zeitgleich das Spiel „Palworld“, auf das sich viele große Streamer stürzten. Der anfängliche Hype war riesig, erlosch aber schnell – während „Enshrouded“ sich langsam, aber nachhaltig zu einem Dauerbrenner entwickelte. Plötzlich war Tom mitten in dieser Szene eine kleine Bekanntheit.
Zum anderen setzte er von Anfang an einen ungewöhnlichen Schwerpunkt: das Bauen. Aus zunächst kleinen, aber beeindruckenden Bauprojekten wurden nach und nach enorme Gemeinschaftsprojekte, bei denen Tom und andere Spieler ganze Schauplätze aus „Der Herr der Ringe“ nachbildeten. Diese detailverliebten Konstruktionen wurden live begleitet, kommentiert und gefeiert – und machten Tom weit über seine Stammzuschauer hinaus bekannt.
Geboren und aufgewachsen ist Tom Schotten in Dülmen, ganz in der Nähe des Wildparks. Hier ging er zur Schule, entschied sich nach dem Abschluss zunächst für eine Ausbildung zum Physiotherapeuten und arbeitete später als Rettungssanitäter. Fünf Jahre lebte er in Bergheim, bevor er vor zwei Jahren nach Dülmen zurückkehrte. Gleichzeitig lernte er seine jetzige Partnerin Jana kennen, mit der er mittlerweile zusammenwohnt.
Aus einem kleinen gemeinsamen Arbeitszimmer wurde nach und nach ein voll ausgestattetes Streaming-Studio. „Jana meinte irgendwann, sie brauche das Büro eigentlich gar nicht. Also habe ich’s umgebaut“, erzählt Tom. Heute hängen hinter ihm Deko-Elemente für die Live-Kamera, davor stehen ein Streaming-PC, drei Bildschirme, hochwertige Beleuchtung, ein Studio-Mikrofon und eine Kamera, die gestochen scharf überträgt. Es war der Schritt weg vom improvisierten Wohnzimmer-Setup hin zur professionellen Arbeitsumgebung.
Dass er mit Twitch überhaupt Geld verdienen kann, kam eher schleichend. „Am Anfang waren das 20 Cent pro Stunde – wenn überhaupt“, sagt er. Während Streaming für ihn noch reines Hobby war, arbeitete er Vollzeit auf der Dülmener Rettungswache. Doch über Monate wuchs die Zuschauerschaft, es wurden mehr Abonnements abgeschlossen, und irgendwann rechnete sich die Sache: Tom reduzierte seine Stunden auf der Rettungswache und verlegte sein Haupteinkommen auf Twitch.
„Ein gewagter Schritt“, sagt er rückblickend. „Aber jetzt habe ich faktisch eine 70-Stunden-Woche.“ Das klingt nach Überlastung, aber für Tom fühlt es sich anders an: „Es ist ja mein Hobby. Ich verbringe Zeit mit dem, was ich am liebsten mache.“ Ein typischer Tag – an dem er nicht im Rettungsdienst unterwegs ist – beginnt gegen acht Uhr morgens. Dann schneidet er Videos für seinen ebenfalls sehr erfolgreichen YouTube-Kanal, geht gegen zwölf Uhr live auf Twitch und streamt (wenn gerade nicht SauerCrowd ist) bis etwa 20 Uhr (dann auch schon einmal bis 3 Uhr nachts).
Mittlerweile folgen ihm auf Twitch rund 13.300 Menschen. So viele davon haben ein Abonnement abgeschlossen, dass Tom inzwischen umsatzsteuerpflichtig ist und einen Steuerberater beschäftigt. „Das ist alles schon sehr krass!“, sagt er – und man nimmt ihm ab, dass er das selbst noch nicht ganz fassen kann.
Seine „Follower“ sind bis zu 70 Jahre alt
Dass er nun bei SauerCrowd durchstarten kann, ist auch finanziell eine große Chance für den bodenständigen Dülmener – selbst wenn „World of Warcraft“ bei vielen seiner Abonnenten sonst gar nicht auf dem Zettel steht. Überhaupt ist seine Zuschauerschaft ganz anders, als man sie sich vielleicht vorstellt. Den typischen Teenager nach der Schule gibt es bei ihm eher selten.
„Ich war selber sehr überrascht, als ich während einer Übertragung das Alter der Leute im Chat abgefragt habe“, erzählt Tom. „Da waren zu dem Zeitpunkt 300 oder 400 Zuschauer dabei – und die meisten lagen eher über 40.“ Als dann im Chat sogar „70“ auftauchte, war Tom kurz sprachlos. „Die Dame gehört inzwischen zu meinen treuesten Zuschauerinnen“, sagt er und lacht.
Seinen Erfolg erklärt er sich selbst eher mit seiner ruhigen Art: Er hebt die Stimme nicht, beleidigt niemanden und achtet sehr auf die Stimmung in seinem Kanal. „Mir ist wichtig, Werte wie Toleranz und Weltoffenheit vorzuleben. Ich will, dass sich bei mir alle wohlfühlen können“, sagt er. Genau das schätzt er auch am SauerCrowd-Event: „Viele der Streamerinnen und Streamer nehmen ihre Vorbildfunktion ernst.“ Natürlich gebe es einzelne, deren Tonfall eher „robust“ sei – „aber auch das gehört dazu, und für manche passt es einfach besser zum Publikum.“
Im Event selbst läuft es für Tom spielerisch bislang eher durchwachsen. Gleich dreimal hat er seine Spielfigur verloren und musste wieder bei null anfangen – ein Schicksal, das im Hardcore-Modus von „SauerCrowd“ endgültig ist. Für die Zuschauer sorgt so etwas durchaus für Unterhaltung und Spannung, für den ehrgeizigen Spieler selbst war es allerdings zunächst frustrierend.
Denn um in der klassischen Version von „World of Warcraft“ erfolgreich zu sein, reicht schnelles Reaktionsvermögen allein nicht aus. „Hier zählt vor allem Wissen“, sagt Tom. „Und genau das hatte ich am Anfang nicht.“ Das klassische „WoW“ habe er nie intensiv gespielt, erklärt er. „Ich bin erst nach der zweiten Erweiterung eingestiegen – da lagen die Schwerpunkte schon ganz woanders.“ Viele Mechaniken, Gefahren und Feinheiten der ursprünglichen Spielversion musste er sich daher erst mühsam aneignen – unter den Augen eines Live-Publikums.
Erschwerend kam hinzu, dass er zu Beginn des Events nicht frei wählen konnte, mit welcher Spielfigur er an den Start ging. Volk und Klasse wurden per Los und Quiz entschieden – und so landete Tom bei einem Nachtelfen-Schurken. Eine Figur, die im Nahkampf mit Dolchen kämpft und sich mitten ins Getümmel stürzen muss. Genau das wurde ihm gleich zweimal zum Verhängnis: Ein falscher Schritt, ein Moment der Unaufmerksamkeit – und der Lebensbalken war leer.
Schon vier Mal musste „Kontreck“ von vorne starten
Nach seinem zweiten virtuellen Tod bekam Tom schließlich die Möglichkeit, Volk und Klasse zu wechseln. Daraufhin zog er als Menschenmagierin durch die Welt von Azeroth. Statt Dolchen setzte er nun auf Frostzauber aus der Distanz, verlangsamte Gegner und hielt sie auf Abstand. „Das ist deutlich eher mein Spielstil“, so dachte er zumindest. Weniger Chaos, mehr Kontrolle – und zumindest in der Theorie ein etwas sichererer Weg durch eine Welt, in der jeder Fehler das endgültige Aus bedeuten kann. Die Praxis sah aber auch hier anders aus: In einer Höhle voller Tunnelratten wurde er niedergeknüppelt – und wechselte erneut die Klasse. Paladin. Ein gut gerüsteter Ritter in Plattenrüstung – mit Heil-Zaubern, falls es brenzlig wird.
Im Spiel ist die Zielsetzung für „Kontreck“ klar definiert: Er möchte seinen Paladin auf die höchste Spielstufe, Level 60, bringen, sie mit der bestmöglichen Ausrüstung ausstatten und schließlich gemeinsam mit den großen Streamerinnen und Streamern das Endziel des Events angehen: den „Molten Core“. Eine riesige Höhle voller Lava, tödlicher Gefahren und dem Feuerlord Ragnaros – zu bezwingen von einem koordinierten Team aus 40 Spielerinnen und Spielern. Und das alles im Hardcore-Modus: ohne einen einzigen Tod.
Im echten Leben ist Toms Ziel für dieses Event deutlich bodenständiger. Es geht ihm darum, Spaß zu haben, seinen neuen wie auch langjährigen Zuschauerinnen und Zuschauern eine gute und unterhaltsame Zeit zu bieten – und vielleicht den einen oder anderen neuen Follower zu gewinnen. Die Höhepunkte der Streams sind übrigens auch zeitversetzt auf seinem Twitch-Kanal abrufbar.
Viel online, klar priorisiert: Seine Freundin
Natürlich hat sich sein Alltag während des Events verändert. Oft spielt Tom bis tief in die Nacht, der Tagesrhythmus ist ein anderer als sonst. Doch seine Freundin bringt dafür viel Verständnis auf, wie er glücklich betont: „Sie weiß, welche Chance dieses Event für mich bietet – und es geht ja nur ein paar Wochen.“ Außerdem nehme man sich ganz bewusst Zeit füreinander zwischen den Streams. „Egal, wie wichtig mir das Streamen ist – Jana steht an erster Stelle.“
Über zusätzlichen Besuch bei seinen Übertragungen aus der Heimat würde sich der Dülmener dennoch freuen. Wer neugierig ist, kann jederzeit in seinen Stream hineinschauen – und gerne einfach mal einen Gruß im Chat dalassen.
Ob Tom Schotten den Molten Core am Ende bezwingt oder unterwegs erneut alles verliert, ist dabei fast zweitrangig. Entscheidend ist, dass ein junger Mann aus Dülmen gerade Teil eines der größten deutschsprachigen Streaming-Events ist – live, ungeschönt und ohne zweite Chance. Zwischen Lava, Zaubersprüchen und Chat-Nachrichten zeigt sich, wie nah digitale Fantasiewelten und echtes Leben heute beieinanderliegen. Und dass große Geschichten manchmal genau dort beginnen, wo man sie am wenigsten erwartet: vor einem Bildschirm, in einem ehemaligen Arbeitszimmer – mitten im Münsterland.
Zum Event: sauercrowd.gg


