Von André Sommer
Dülmen. Der gebürtige Dülmener Bernhard Schreiber hat inzwischen mehr als 176.000 Follower auf TikTok, wo er sich „la_bernhard“ nennt. Seine Spezialität: Essen, das man entweder unbedingt probieren oder besser weiträumig meiden sollte. Vor allem aber kommt seine Art an. Die Leute schauen längst nicht mehr nur wegen des Essens zu.
„Ich bin 29. Für immer.“ Das steht in seinem Profil. Die Erklärung dazu ist denkbar einfach: Eigentlich hätte Schreiber während der Corona-Zeit 30 werden müssen. Sein Geburtstag fiel damals aus. Also ist er für sich eben bei 29 geblieben. Problem gelöst.
Aber von vorne: TikTok ist eine Internetplattform, auf der vor allem kurze Videos angeschaut und selbst veröffentlicht werden. Wer regelmäßig solche Videos produziert, wird oft als „Content Creator“ bezeichnet – also jemand, der Inhalte für andere erstellt. Schreiber macht das inzwischen ziemlich erfolgreich. Auf TikTok folgen ihm unter dem Namen „la_bernhard“ aktuell rund 176.000 Menschen, seine Videos haben mehr als 5,8 Millionen Likes gesammelt. Auch bei Instagram ist er aktiv, da ist sein Wachstum aber noch langsamer.
Einen großen Plan hatte er eigentlich nicht. „Ich habe schon immer mal mit Social Media herumexperimentiert“, erzählt Schreiber. Mal hier ein kleines Video, mal dort ein Clip. Dann filmte er irgendwann, wie er seinen geliebten Tortellini-Salat zubereitete, und stellte das Video bei TikTok ein. Kurz darauf war es mehr als 100.000 Mal angesehen worden.
Bernhard wusste selbst nicht, warum ausgerechnet dieses Video so gut lief. Aber die mehr als 100.000 Aufrufe machten ihn neugierig. Und weil er Essen liebt, stand die Richtung schnell fest. Er wollte Food-Content machen, also Videos rund ums Essen. Nicht nur Rezepte, sondern vor allem Tests. Also fing er an, Lebensmittel zu probieren und auf einer Skala von eins bis zehn zu bewerten. Das gab es bei TikTok natürlich schon. Schreiber machte daraus seine eigene Version. Er redete nicht nur über das Essen – er besorgte es, bereitete es zu und probierte es vor laufender Kamera.
Bohneneis, Spülwasser
und Gurkenwasser
Zum Beispiel Eis: In einem seiner erfolgreichsten Videos nahm er sich „außergewöhnliche Eissorten“ vor. Bohneneis war dabei. Gefrorenes Spülwasser ebenfalls. Und dann Essiggurkeneis – inklusive Gurkenwasser. Ausgerechnet das wurde sein Favorit. Das Video wurde inzwischen rund 2,7 Millionen Mal angesehen.
Pizza mit Bohnen und Spiegelei folgte, dazu weitere ungewöhnliche Kombinationen und immer wieder Lebensmittel-Trends, die gerade durchs Internet geisterten. Aus wenigen Followerinnen und Follower wurden immer mehr. Irgendwann kamen die Leute nicht mehr nur wegen des Essens. Sie wollten wissen, was Bernhard als Nächstes macht.
Seine Videos sind schnell geschnitten, spontan und meistens mit dem Smartphone aufgenommen. Perfekt muss dabei nichts sein. „Das passt ganz gut zu meinem Leben“, sagt Schreiber und lacht. Wenn ihm etwas einfällt, kann er es direkt aufnehmen.
Deshalb landet bei „la_bernhard“ auch einmal ein Besuch auf dem Wertstoffhof. Oder ein Ikea-Einkauf, bei dem zwischen Matratzenkauf und Einkaufswagen-Schieben noch schnell das Essen bewertet wird. Dazu kommen wiederkehrende Elemente wie sein „Unangenehm“ oder der Flirt mit einem Hähnchenverkäufer.
Viele seiner Followerinnen und Follower kennen ihn inzwischen so gut, dass sie an der Stimmung eines Videos merken, wenn etwas anders ist. Dann kommen entsprechende Kommentare. Schreiber liest sie und antwortet, wenn er die Zeit dafür hat. Kürzlich war er sogar abends auf Instagram unterwegs und tauschte Sprachnachrichten mit Menschen aus, die er vorher überhaupt nicht kannte. „Das war schon anstrengend“, erzählt er. Gleichzeitig habe er den Abend als aufregend und schön empfunden.
Von der Kita ins Büro –
und vor die Kamera
Sein eigentliches Berufsleben sah lange ganz anders aus. Schreiber ist staatlich anerkannter Erzieher und Fachwirt für Kita- und Hortmanagement. Seit 2012 arbeitet er im Kita-Verbund St. Viktor Dülmen, seit 2018 leitete er das Familienzentrum St. Anna. Das hat sich inzwischen geändert. Auf eigenen Wunsch arbeitet er dort nur noch zweimal pro Woche administrativ im Büro im einsA.
Die Arbeit mit Kindern hat er deshalb nicht aufgegeben. Aber inzwischen gibt es da noch diesen anderen Teil seines Lebens, der plötzlich ziemlich groß geworden ist. Mit seinen Videos verdient Schreiber mittlerweile Geld. Unternehmen bezahlen ihn für gekennzeichnete Kooperationen. Außerdem können erfolgreiche TikTok-Videos unter bestimmten Voraussetzungen über das sogenannte Creator-Rewards-Programm vergütet werden. Dafür müssen unter anderem bestimmte Anforderungen an Account, Inhalte und Aufrufe erfüllt sein.
Bemerkenswert findet Schreiber vor allem, wer ihm folgt: Besonders viele seiner Followerinnen sind zwischen 45 und 65 Jahre alt – schließlich wird TikTok vor allem mit jüngeren Menschen verbunden. Die Plattform ist inzwischen aber längst in verschiedenen Altersgruppen angekommen.
Geld und Reichweite sind für Schreiber aber nicht der einzige Grund, warum er so viel Zeit in seine Videos steckt. Er spricht offen darüber, dass sie für ihn auch etwas mit seiner eigenen Geschichte zu tun haben. Als Kind der 90er sei ein Outing nicht unbedingt einfach gewesen. Heute kann er vor der Kamera ganz selbstverständlich zeigen, wer er ist. Das empfindet er als befreiend.
Trotzdem zeigt er nicht alles. Bernhard kann nach eigener Einschätzung ziemlich gut unterscheiden, was in seine Videos gehört und was privat bleiben soll. Auch die Trennung von seinem Ehemann kommentiert er deshalb nicht öffentlich. „Das hat in der Öffentlichkeit nichts zu suchen“, sagt er. Schließlich gehe es dabei nicht nur um ihn.
Eines seiner für ihn wertvollsten Videos hat allerdings gar nichts mit einem Food-Trend zu tun: Schreiber kocht die rote Nudelsauce seiner inzwischen verstorbenen Oma Hannelore Breitkopf nach. Sie verbrachte den größten Teil ihres Lebens ebenfalls in Dülmen. Die Sauce ist sein Lieblingsessen – und das Video für ihn deshalb vor allem eine Erinnerung.
Dann gibt es noch die Geschichte vom Marktkauf in Lüdinghausen. Freitagabend hatte Schreiber dort eingekauft und wollte im Auto noch schnell ein Video schneiden. Dann bemerkte er, dass die Tore des Parkplatzes inzwischen geschlossen waren. Sein Auto stand auf dem Parkplatz, Schreiber selbst war eingesperrt. Der Akku seines Smartphones zeigte noch fünf Prozent. Also musste eine Lösung her. Jemanden anrufen? Oder die Kamera einschalten? Schreiber entschied sich für die Kamera. Er filmte, wie er mit seinen Einkäufen über den Zaun kletterte und anschließend nach Hause lief. Erst am nächsten Tag stellte er fest, dass sich die Tore des Parkplatzes ganz einfach von Hand öffnen ließen. Das Video ist bis heute sein persönliches Lieblingsvideo.
Das richtige Rezept
für TikTok?
Wer selbst auf TikTok durchstarten möchte, brauche vor allem Glück, Authentizität und Ehrgeiz, sagt Schreiber. Dazu komme ein gutes Gespür dafür, eine eigene Nische zu finden. Bei ihm war es das Ranking kombiniert mit der echten Verkostung. Und inzwischen verlassen sich manche seiner Followerinnen und Follower sogar darauf, wenn er einen Food-Trend für nicht empfehlenswert erklärt. Dann müssen sie ihn wenigstens nicht selbst ausprobieren.
Was Schreiber an seinem neuen Alltag besonders schätzt, ist die Freiheit. Er kann seine Zeit anders einteilen, spontan ein Video drehen, wenn ihm danach ist, und muss nicht mehr jeden Tag in einen festen Arbeitsrhythmus passen. Gleichzeitig weiß er, dass diese Freiheit ihren Preis hat. Wer mit Videos Geld verdient, muss auch liefern. Die Reichweite kann sich verändern, Einnahmen sind nicht garantiert. Und aus dem Hobby ist längst etwas geworden, das auch Arbeit bedeutet.
Für Schreiber überwiegt trotzdem die Freude. Er genießt die Freiheit und die Möglichkeit, seinen Tag selbst zu gestalten. Und solange es funktioniert und ihm Spaß macht, will er diesen Weg weitergehen.
Zu seinem neuen Leben passt deshalb auch sein selbst gewähltes Alter. 30 wurde er wegen Corona schließlich nie. Also bleibt er 29. Für immer.

