Von André Sommer
Dülmen/Gladbach. Wer selbst eine Familie mit kleinen Kindern hat, kennt diese Frage. Sie taucht zuverlässig auf, meistens dann, wenn man sie eigentlich gerade nicht gebrauchen kann: Was gibt es heute zu essen? Im besten Fall ist die Antwort längst geklärt. Die Einkäufe sind gemacht, der Wochenplan hängt vielleicht sogar am Kühlschrank und jeder weiß, was wann auf den Tisch kommt. Im weniger guten Fall steht man irgendwann im Supermarkt und versucht sich zwischen Nudeln, Gemüse und Tiefkühlpizza daran zu erinnern, was die Familie in den vergangenen Tagen eigentlich schon gegessen hat.
Bei Dennis Göntgens und seiner Familie war das nicht anders. Der 42-Jährige ist in Dülmen geboren und aufgewachsen, lebt inzwischen mit seiner Frau Svenja und den beiden Töchtern, sechs und zwei Jahre alt, in Mönchengladbach. Beruflich arbeitet er im Marketing bei Vodafone. Das Familienleben mit kleinen Kindern ist für ihn also vor allem eines: ganz normaler Alltag.
Dann kam ein Samstagabend, Monate nachdem die jüngere Tochter geboren worden war. Svenja war zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder allein unterwegs. „Mama geht tanzen“ hieß die Veranstaltung, zu der sie in Gladbach gegangen war. Die Kinder waren im Bett, Dennis hatte es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht. Eigentlich sollte jetzt ein ruhiger Abend mit Netflix folgen.
Stattdessen begann sein Kopf zu arbeiten. Nicht über die Arbeit und auch nicht über irgendein großes Problem. Es ging um die kommende Woche. Dienstag war Sport. Donnerstag hatte die Kita geschlossen. Samstag sollte das Wetter gut werden, also wollte die Familie grillen. Dazu kamen die ganz normalen Fragen, die sich bei einer Familie mit kleinen Kindern eben noch stellen: Wer ist wann zu Hause? Wer isst mit? Was mögen die Kinder? Was haben die Erwachsenen vielleicht gerade Lust zu essen? Und was passt überhaupt noch zu dem, was in den vergangenen Tagen auf dem Tisch stand?
Aus all diesen kleinen Informationen entstand in seinem Kopf plötzlich ein ziemlich kompliziertes Geflecht. Fast so, als würde er einen Kriminalfall lösen.
Und dann kam der Gedanke: Gibt es dafür eigentlich keine App? Dennis begann zu suchen. Die Ernüchterung folgte schnell. Es gab jede Menge Apps, die Rezepte lieferten. 500 Vorschläge, 1000 Vorschläge, noch mehr. Aber die eigentliche Arbeit blieb beim Nutzer: auswählen, überlegen, planen. Andere Angebote gingen stärker auf Ernährungstrends ein oder waren einfach kompliziert oder zu teuer. Und dann waren da Anbieter wie HelloFresh, bei denen die Zutaten gleich mitgeliefert werden. Praktisch, sicher – aber für eine Familie mit wechselnden Plänen auch ziemlich unflexibel.
Was Dennis suchte, war etwas anderes. Eine App, die nicht einfach fragte: „Was möchtest du kochen?“, sondern die Gegenfrage stellte: „Wie sieht deine Woche aus – und was passt dazu?“
Aus einer Idee wurde eine eigene App
Also beschloss er, sie selbst zu bauen. Ganz ohne großen Geschäftsplan. Dennis hatte durch seinen Beruf bereits ein wenig Erfahrung mit Programmieren und dachte sich zunächst nur: Ich lese mich ein und schaue, was dabei herauskommt. Aus dem ersten Gedanken auf dem Sofa wurde ein Projekt. Und irgendwann war daraus eine App geworden.
Dabei blieb es nicht lange bei Dennis allein. Seine Frau Svenja ist Grafikdesignerin und war von der Idee sofort angetan. Sie brachte ihr Wissen und ihre gestalterischen Fähigkeiten ein, während Dennis sich immer tiefer in die technische Seite einarbeitete. Wochen vergingen. Aus einer Idee wurde ein Konzept – und aus dem Konzept eine immer umfangreichere Anwendung.
Und wie das bei einem Projekt passiert, das man zunächst für den eigenen Alltag entwickelt, kamen ständig neue Gedanken dazu.
Freunde und Verwandte wurden dabei schnell zu einem wichtigen Testpublikum. „Denkt an die Allergene, bloß keine Rezepte mit Erdnüssen“, hieß es etwa. Oder: „Ich mag keine Tomaten.“ Dennis‘ Antwort darauf war sinngemäß: Dann müssen diese Gerichte eben rausgenommen werden können. Solche Rückmeldungen flossen direkt in die Entwicklung ein. Wer bestimmte Zutaten nicht essen oder schlicht nicht auf dem Teller haben möchte, kann sie hinterlegen – die entsprechenden Gerichte werden bei den Vorschlägen herausgefiltert.
Auch ein digitaler Einkaufswagen kam dazu. Wer sich für die Gerichte der kommenden Tage entscheidet, soll nicht anschließend noch einmal jede Zutatenliste abschreiben müssen. Die benötigten Lebensmittel werden gesammelt und können für den nächsten Einkauf übernommen werden.
Dealish reagiert auf die jeweiligen Umstände
Der eigentliche Kniff von „Dealish“, so der Name der App, liegt aber noch etwas tiefer. Die App soll nicht nur wissen, was jemand grundsätzlich mag oder nicht mag. Sie soll möglichst genau erfassen können, wer gerade mitisst und welche Situation an diesem Tag überhaupt vorliegt.
Dennis selbst isst beispielsweise gerne asiatisch und mediterran. Das ist eine Information. Ob an einem bestimmten Tag aber zwei Erwachsene oder zusätzlich zwei kleine Kinder am Tisch sitzen, ist eine andere. Ob nach dem Sport ein etwas anderes Essen gefragt ist, ebenfalls. Vielleicht ist gerade wenig Zeit. Vielleicht soll es etwas Einfaches sein. Vielleicht ist ein Gericht mit etwas mehr Aufwand am Wochenende genau richtig.
Auch Menschen, die bestimmte Lebensmittel aus religiösen Gründen, aus Überzeugung oder schlicht wegen persönlicher Abneigung vermeiden, sollen ihre Vorgaben hinterlegen können.
Und dann gibt es noch die ganz banale Familienrealität: Kinder haben manchmal andere Vorstellungen davon, was ein gutes Abendessen ist als ihre Eltern.
Deshalb gehören auch Pfannkuchen mit Apfelmus zum Prinzip. Genauso wie Nudeln mit Tomatensoße, Pommes oder Pizza. Comfort Food ist ausdrücklich erlaubt. Die App will schließlich keinen Ernährungsratgeber spielen, der einer Familie erklärt, was sie eigentlich essen sollte.
Gleichzeitig sollen die Vorschläge nicht nach zehn Tagen langweilig werden. Neben bekannten Gerichten finden sich deshalb auch weniger geläufige internationale Speisen. Die Idee dahinter: möglichst abwechslungsreich kochen, ohne dafür exotische Zutaten kaufen oder einen halben Nachmittag in der Küche verbringen zu müssen.
Ein Gericht gefällt nicht? Dann wird es abgelehnt und ein anderes vorgeschlagen. Genau hier kommt eine weitere Besonderheit ins Spiel: Dealish lernt mit der Zeit dazu. Wenn ein Nutzer ein Gericht ablehnt, bleibt es nicht einfach bei einem anonymen „Nein“. Dealish erkennt die Vorlieben und berücksichtigt dabei nicht nur einzelne Lieblingsgerichte, sondern auch ganze Gerichtstypen. Man mag Pasta oder Suppen? Dann werden passende Angebote gezielt priorisiert. Gleichzeitig fließt auch die Jahreszeit mit ein: Im Sommer können andere Gerichte im Fokus stehen als im Winter. Wenn zwei Erwachsene und zwei Kinder am Tisch sitzen, können die Vorschläge anders aussehen als an einem Abend, an dem nur die Eltern essen.
Die App versucht also nicht, eine Familie in ein festes Ernährungsschema zu pressen. Sie soll sich möglichst gut an deren Alltag anpassen. Auch optisch hält sich die App bewusst zurück. Kein überladenes Menü, kein digitales Kochbuch mit hundert Funktionen, die am Ende niemand braucht. Die Gestaltung soll übersichtlich bleiben. Im Mittelpunkt steht das, worum es eigentlich geht: das Essen.
Kostenfreie App mit Zusatzfunktionen
Inzwischen ist Dealish kostenlos in den gängigen App-Stores erhältlich. Wer mehr Individualisierung möchte, kann auf eine kostenpflichtige Variante zurückgreifen. Dort lässt sich beispielsweise genauer festlegen, ob gerade Kraft- oder Ausdauertraining im Mittelpunkt steht und ob entsprechend eher der Protein- oder Kohlenhydratanteil eine Rolle spielen soll. Für diese Funktionen hat Dennis sich auch mit sportwissenschaftlichen Erkenntnissen beschäftigt.
In der kostenpflichtigen Version lassen sich außerdem Lieblingsgerichte speichern. Werden später neue Vorschläge gesucht, können diese gespeicherten Favoriten als Alternative auftauchen.
Dass Dennis irgendwann eine fertige App in den Händen halten würde, war an jenem Abend auf dem Sofa allerdings noch nicht absehbar. Eigentlich wollte er nur herausfinden, warum es offenbar keine Anwendung gab, die sein ganz persönliches „Was essen wir nächste Woche?“ vernünftig lösen konnte.
Heute benutzt er Dealish selbst. Und fertig ist das Projekt trotzdem nicht. Weitere Rezepte kommen hinzu, Funktionen werden verändert, Ideen ausprobiert und wieder verworfen. Schließlich kennt Dennis das Problem, das hinter der App steckt, weiterhin aus eigener Erfahrung.
Nur dass die Frage inzwischen etwas anders beantwortet wird. Was gibt es heute zu essen? Vielleicht weiß es Dealish.

